klb wuerzburg

Ingwershots aus der Lüneburger Heide? Klingt erstmal abwegig, ist aber eine der vielen Realitäten, die die Teilnehmenden der diesjährigen KLB-Studienreise erleben durften. Vom 13. bis zum 20. September 2026 war die 40-köpfige Reisegruppe aus Unterfranken in der Lüneburger Heide unterwegs.

Statt die Sehenswürdigkeiten der Hochglanzprospekte abzuklappern geht es bei den KLB-Reisen um viel mehr, nämlich ein tieferes Gefühl für die Region und ihre Menschen, um Austausch und Entschleunigung. „Wir wollen nicht nur den Verstand ansprechen, sondern den gesamten Menschen“, präzisiert KLB-Bildungsreferent Dr. Wolfgang Meyer zu Brickwedde. Zum besonderen Charakter des Angebots gehört auch die gute Gemeinschaft innerhalb der Gruppe. „Die Mitreisenden schätzen einander, kommen gerne ins Gespräch, nehmen Rücksicht, denken mit“, so Meyer zu Brickwedde. Kein Wunder also, dass mancher bereits zum wiederholten Mal dabei war und Neue schnell integriert sind. Und bei meditativen Morgenandachten und geselligen Abenden mit Vorträgen, Lyrik und Gesang bekommt auch die Seele Nahrung.

Entschleunigung in der Natur war das Motto der Kutschfahrt durch die Misselhorner Heide. „Das langsame Unterwegssein hat unglaublich gut getan“, berichtet Meyer zu Brickwedde. Eigentlich ist die Blütezeit des Heidekrauts Mitte September vorbei, doch die lange Trockenperiode hat die Blüte verzögert. So konnte die Reisegruppe das bunte Farbenspiel des violett- und lilafarbenen Heidekrauts und der herbstlich gefärbten Bäume genießen. Überrascht waren viele, dass die Landschaft durch die eiszeitliche Überformung sehr hügelig ist und zu den waldreichsten Regionen Deutschlands gehört. Das ist mit ein Grund dafür, dass mittlerweile vier Wolfsrudel rund um Herrmannsburg leben, berichtete Reiseleiterin Anette Makus vom Evangelischen Bildungszentrum Hermannsburg, in dem die Gruppe untergebracht war. Eine Gefahr sei der Wolf vor allem für die Heidschnucken, die als Landschaftspfleger die Heide kurz halten. Viele Schäfer stehen demnach kurz davor, die Schäferei aufzugeben.

Zu den Highlights der Woche zählten auch die Fahrt durch das Biosphärenreservat Elbtalaue und der Besuch im Wendland, das für seine Rundlingsdörfer bekannt ist. Inwiefern sich diese wagenburg-artig aufgebauten Dörfer von Haufen- oder Straßendörfern unterscheiden, konnte die Gruppe in Lübeln erkunden. In der von Hochwasser geplagten Fachwerkstadt Hitzacker informierte man sich über Hochwasserschutzmaßnahmen. Einen sehr nachdenklichen Eindruck hat die Sühnekirche vom Kostbaren Blut in Bergen hinterlassen; in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen KZ Bergen-Belsen setzte sich die Gruppe mit aktuellen Formen des Gedenkens auseinander. Und dann natürlich Hamburg. Neben Hafenrundfahrt und Elbphilharmonie stand auch ein Besuch im Ökumenischen Forum HafenCity auf dem Programm. Dort beten, wohnen, feiern 20 verschiedene Kirchen der AcK Hamburg unter einem Dach – und loten gemeinsam Wege in die Zukunft aus.

Nicht nur für die Teilnehmenden mit landwirtschaftlichem Hintergrund erkenntnisreich waren die Besuche bei Landwirtschaftsbetrieben. „Es war interessant zu sehen, was Familien hier unternehmen, um ihre Produkte unter die Leute zu bringen und mehr Nähe zwischen Erzeuger und Verbraucher herstellen.“ Der Hof Stövesandt in Bergen zum Beispiel produziert Kräuter, Gewürze und Gemüse in Bioqualität. Außerdem wird Ingwer und Kurkuma unter Folie angebaut. Die selbst hergestellten Produkte – Tees, Kapseln, Aufstriche, Säfte, Shots – werden ohne Zwischenhandel übers Internet vertrieben. „Damit macht sich der Betrieb unabhängig von den Knebelverträgen des Einzelhandels“, so Meyer zu Brickwedde. Einen anderen Weg schlägt der Bauernhof Drewes in Hermannsburg ein. Neben einem Hofladen mit eigenen Produkten gibt es ein Hof-Café und bauernhofpädagogische Angebote, bei dem Kinder die Hoftiere hautnah erleben können. Vor allem beeindruckt war man, „mit welcher Zuversicht die Menschen in die Zukunft schauen“. Etwa das Elternpaar, das vollstes Vertrauen in den Sohn hat – getreu dem Motto: „Das ist jetzt neu für uns, aber wir gehen den Weg mit!“

Ein froher Ausdruck des Erlebten war der Abschluss-Gottesdienst in der Auferstehungskirche in Hermannsburg, bei dem die sangesfreudige Gruppe die sonst eher dünn besetzten Reihen einheimischer Gottesdienstbesucher begeisterte. Am Ende durfte Wolfgang Meyer zu Brickwedde einen Satz immer wieder hören: „Ich freue mich schon auf die Reise im nächsten Jahr!“

(Text: Anja Legge / Fotos: Wolfgang Meyer zu Brickwedde)